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Süddeutsche Zeitung, München, Samstag/Sonntag, 15./16. Mai 2004 Die Sakralbaustelle Cornelie Müller bespielt den aufgerissenen Hochbunker Ob das Wetter mitspielt am Samstagabend, ist überhaupt keine Frage. Ob nun Wind hinein weht oder Regen durch die frisch geöffneten Fensterschlitze, die den Hochbunker an der Claude-LorrainStraße 26 derzeit auf sein zweites Leben als Wohnhaus vorbereiten — drinnen jedenfalls wird es schneien. Während acht Bratschen die Sehnsuchtsmelodie von "Vom Winde verweht" nachempfinden. Und ein Schlagzeuger geräuschvoll eine Bronzefigur ziseliert. Cornelie Müller heißt die Zauberin, die für Schnee im Mai sorgt und für die kurzzeitige Umdeutung einer profanen Baustelle in einen tönenden Imaginationsraum. „Luftschloss" heißt der einmalige Abend mehrdeutig. Und es war der Schwebezustand, in dem sich das gewaltige „Wahngebäude" derzeit befindet, der die Theaterfrau besonders interessiert hat: dass die einst bombensicheren Mauern jetzt sogar Verkehrslärm hereinlassen, dass es aber immer noch einen klar definierten Innenraum gibt, achteckig und augenblicklich bis zum Dach hin offen. Diesen einzigartigen Raum bespielen die neun Mitwirkenden dieses "konzertanten Spektakels für einen Augenblick" auf einer Treppe mit Baugerüst-Outfit. Der Rest des Spiels aber kommt aus einer anderen Welt. Bewusst hat sich Müller nicht für Utensilien wie Vorschlaghammer und Blaumann entschieden, sondern für hochkultivierte Streicher (Thomas Beimel & Ensemble) in schwarzen Fräcken. Statt Bauplanen schmiegen sich rote Vorhänge in die Maueröffnungen, und auf der rauen Innenhaut der dicken Bunkerwände leuchten Poesiebruchstücke auf: „Obacht! Sie betreten imaginäres Gebiet!" Besonders spannend aber ist, was mit der Bronzeskulptur geschieht, die der Bildhauer Egon Stöckle in das Projekt eingebracht hat. Hier kommen baustellengemäß Hammer, Meißel und Flammenwerfer zum Einsatz, die jedoch vorrangig den akustischen Raum möblieren helfen. Ob die geheimnisvolle Frauenfigur eine Madonna ist? Jedenfalls lag schon bei den Proben ein irgendwie sakrales Odeur über dem Ganzen. Wer sich am Samstag von 21 Uhr an buchstäblich auf den „Trümmern der Vergangenheit" bewegen will, sollte nicht nur solides Schuhwerk mitbringen, sondern auch ein Gespür für die Unwiederbringlichkeit der Situation. Schon am Montag gehen die Bauarbeiten weiter. SABINE LEUCHT
Süddeutschen Zeitung, Dienstag, 30. März 2004,
Süddeutsche Zeitung, München, Montag, 17. März 2003 Das Fremde an der Heimat Die doppelte Wally: Cornelie Müllers „Paartanz" im TamS „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt." Weil Eichendorff Recht hat, konnte es nur Ärger geben für Anna Stainer-Knittel, als sie in Innsbruck das durchsetzte, was ihr wichtig war, die Heirat mit dem, den sie liebte, die Zeichenschule für Damen, die Kinder. Alles immer am Toleranz-Rand der Gesellschaft, die aber dann doch hin und weg war, als sie zweimal den Geier holte vom hohen Gebirge herunter. Zwar nicht gleich so, wie das Wilhelmine von Hillern sah, mit Vermählung mit dem Berg, auf dass beim Kuss die Alpenrosen wachsen. Aber halt doch irgendwo auf dem Grat zwischen Verwurzelung und dem Darüberhinaus. Fremd ist der Fremde nur in der Fremde, fremd ist der Einheimische nur in der Heimat. Vielleicht waren sie doch nicht so weit auseinander, die Knittel und die Geierwally, von Hillerns wilde Weibsperson, zieht man mal den Alpenschwulst die reaktionären Argumentations- und Darstellungshillen der Roman- und Stückeautorin ab. Vielleicht kommt man doch weiter, wenn man die Wally zusammen mit der Knittel als janusköpfige Personenfigur begreift, so wie das Cornelie Müller tut. Ihre Klanglandschaft „Knittel: ein Paartanz" im TamS ist vielleicht das Musiktheaterhafteste, was Müller je gemacht hat. Weil es noch weniger als bei ihrer Bally-Prell-Hommage weniger um das Nachspüren, das lexikalische Aufschlüsseln von Biographie geht, sondern um das Zurichten emotionaler Erfahrbarkeit. Deshalb ist Catalanis „Wally"-Musik hier richtig. Leuchtende Farbtupf er. Auch der Walzer ist aus der Oper, den die fünf hinreißenden Damen im Sand tanzen, die rhythmisiert vom Bratscher Thomas Beimel vom Anderssein in vielen schönen Dialekten zwitschern, wie Vogerl in einem Bergwald. Aus 0-Tönen setzt sich der große Willen zum prallen Leben zusammen, der Stolz. Und weil die Unzufriedenheit das Gemüt vergiften würde, ist es heiter, leicht und hell. Müller erhält in diesem Jahr keine Förderung mehr. Wo eine Jury Theater begreift wie eine Bedienungsanleitung, da stirbt die Poesie. EGBERT THOLL |
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