Süddeutschen Zeitung, 27. 9. 2009 Was alles Heimat sein kann Klangreden in Weiß-Grün: Cornelie Müllers Grete Weil-Projekte

(...) Doch dieser Tage wandelt der Geist Grete Weils im Garten der Seidlvilla in Schwabing durch die Anmutung eines lichten Raumes, wie ihn die Schriftstellerin einst bewohnte. Auf den Rasen getupfte leuchtende Glaswände von der Größe schmaler Paravents rahmen die Campinghocker den Zuschauer ein. Sie sind Teil einer Installation auf dieser Freilichtbühne unter Kastanien (...) Offenheit und Bewegung, Nähe und Distanz sind Grundprinzipien jener szenischen Bastelarbeit, die Cornelie Müller der von ihr verehrten Schriftstellerin in deren zehntem Todesjahr widmet. Nach dem Prinzip eines Mobiles hat Münchens "Geheime Klangrätin" diesmal die Elemente Musik, Sprache und Bild aneinandermontiert. Erstmals hat bei Müller ist nicht der spezifische Ort die Konstante, es sind dies frei variierbaren Module, die sie im kommenden Jahr in Wuppertal zu einer neuen Anordnung bringen wird (...)

Behutsam, fast andächtig nähert sich Cornelie Müller wieder einer dieser Halbberühmten, für die sie ein Herz hat. Zumal, wenn sie ihrerseits ein Stück voranbringen kann bei der unsentimentalen Erkundung dessen, was "Heimat" sein und meinen kann (...)                    Sabine Leucht

Süddeutsche Zeitung, 15./16. Mai 2004  Die Sakralbaustelle Cornelie Müller bespielt den aufgerissenen Hochbunker

(...) Cornelie Müller heißt die Zauberin, die für Schnee im Mai sorgt und für die kurzzeitige Umdeutung einer profanen Baustelle in einen tönenden Imaginationsraum.

„Luftschloss" heißt der einmalige Abend mehrdeutig. Und es war der Schwebezustand, in dem sich das gewaltige „Wahngebäude" derzeit befindet, der die Theaterfrau besonders interessiert hat: dass die einst bombensicheren Mauern jetzt sogar Verkehrslärm hereinlassen, dass es aber immer noch einen klar definierten Innenraum gibt, achteckig und augenblicklich bis zum Dach hin offen. Diesen einzigartigen Raum bespielen die neun Mitwirkenden dieses "konzertanten Spektakels für einen Augenblick" auf einer Treppe mit Baugerüst-Outfit. Der Rest des Spiels aber kommt aus einer anderen Welt. Bewusst hat sich Müller nicht für Utensilien wie Vorschlaghammer und Blaumann entschieden, sondern für hochkultivierte Streicher in schwarzen Fräcken. Statt Bauplanen schmiegen sich rote Vorhänge in die Maueröffnungen, und auf der rauen Innenhaut der dicken Bunkerwände leuchten Poesiebruchstücke auf: „Obacht! Sie betreten imaginäres Gebiet!" (...)

Wer sich am Samstag von 21 Uhr an buchstäblich auf den „Trümmern der Vergangenheit" bewegen will, sollte nicht nur solides Schuhwerk mitbringen, sondern auch ein Gespür für die Unwiederbringlichkeit der Situation. Schon am Montag gehen die Bauarbeiten weiter.

Sabine Leucht

Süddeutschen Zeitung,  30. 3. 2004 Geisterbeschwörung

Erst eine, dann zwei, dann vier akkurat ondulierte Damen nehmen im Halbdunkel auf der schrägen Bühne des Theaters am Sozialamt Platz. Schemenhafte Verkörperung der vielen Gesichter jener Frau, um die es gehen soll: Liesl Karlstadt (...)

Wer Cornelie Müller kennt, weiß, dass die erfinderische Musik- und Theaterfrau bei ihren Annäherungen an historische Persönlichkeiten ( wie zuvor schon bei Volkssängerin Bally Prell oder Geierwally-Vorbild Anna Steiner-Knittel) ganz eigene Wege findet und sich mit Vorliebe auf dem Hörweg an ihr Zielobjekt heranpirscht. So haben die vier Damen in der ersten Szene Radiorekorder auf dem Schoß, aus denen sie zwischen Knistern und Rauschen allmählich die Stimme der Beschwörungen herausdestillieren. Erinnerungsfetzen werden laut, über die Kindheit und die erste Begegnung mit Karl Valentin (...)

Doch dann ist vom großen Mentor, Genius und Wahnsinnigen, der die Karlstadt zwar zum Erfolg, aber auch in den Ruin, in die Isar und ins Irrenhaus trieb, nicht mehr die Rede. Goldene Gardinen tanzen wie von Geisterhand gezogen durch den Raum, und dazwischen treiben die vier deftigen Grazien getreu dem Titel "Überall ist heiteres Tun" ihr eigensinniges Wesen . Die komplizierte Namenslitanei des "Vereins der Katzenfreunde" gipfelt in kunstvoller Kakophonie, der Kinobesuch eskaliert zum vierstimmigen Katastrophenszenario, der Schulaufsatz über Sommerfreuden wird zur Betrachtung über den Weltschmerz. Und immer ist es die minutiös einstudierte mehrstimmige Brechung, die die zum Teil bekannten Sketsche ganz neu vor Ohren führt und einen Raum für musikalische schräge Zwischentöne öffnet.

Mit ihrem "Kaleidoskop um Liesl Karlstadt" ist Cornelie Müller ein Abend gelungen, an dem man nicht nur Karl Valentin keinen Augenblick vermisst, sondern eine ebenso resolute wie fragile und noch weitgehend unbekannte Künstlerin entdecken kann.                     Silvia Stammen

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Süddeutsche Zeitung, 17. März 2003 Das Fremde an der Heimat Die doppelte Wally: Cornelie Müllers „Paartanz" im TamS

(...) Fremd ist der Fremde nur in der Fremde, fremd ist der Einheimische nur in der Heimat. Vielleicht waren sie doch nicht so weit auseinander, die Knittel und die Geierwally, von Hillerns wilde Weibsperson, zieht man mal den Alpenschwulst die reaktionären Argumentations- und Darstellungshilfen der Roman- und Stückeautorin ab. Vielleicht kommt man doch weiter, wenn man die Wally zusammen mit der Knittel als janusköpfige Personenfigur begreift, so wie das Cornelie Müller tut. Ihre Klanglandschaft „Knittel: ein Paartanz" im TamS ist vielleicht das Musiktheaterhafteste, was Müller je gemacht hat. Weil es noch weniger als bei ihrer Bally-Prell-Hommage weniger um das Nachspüren, das lexikalische Aufschlüsseln von Biographie geht, sondern um das Zurichten emotionaler Erfahrbarkeit. Deshalb ist Catalanis „Wally"-Musik hier richtig. Leuchtende Farbtupfer.

Auch der Walzer ist aus der Oper, den die fünf hinreißenden Damen im Sand tanzen, die rhythmisiert vom Bratscher Thomas Beimel vom Anderssein in vielen schönen Dialekten zwitschern, wie Vogerl in einem Bergwald. Aus 0-Tönen setzt sich der große Willen zum prallen Leben zusammen, der Stolz. Und weil die Unzufriedenheit das Gemüt vergiften würde, ist es heiter, leicht und hell.

Müller erhält in diesem Jahr keine Förderung mehr. Wo eine Jury Theater begreift wie eine Bedienungsanleitung, da stirbt die Poesie.

Egbert Tholl